Gram der Höllenhund

Garm, der Höllenhund aus der nordischen MythologieGarm war, wörtlich übersetzt, der Hund der Hel. Aber was sagen die Historiker über den großen Hund, der den Eingang zur skandinavischen Unterwelt bewachte?Das Bild des Hundes am Tor zur Unterwelt ist in der Mythologie so häufig anzutreffen, dass es einen Namen hat: der Höllenhund. Eines der wichtigsten Beispiele für dieses Thema ist das blutbefleckte Tier, das den Eingang zu dem Reich bewacht, das uns diesen Namen gegeben hat.

# Garm – der Wächter am Tor zur Hel

Garm, im Altnordischen **Garmr**, gilt in der nordischen Mythologie als gewaltiger Hund, der den Eingang zum Totenreich Hel bewachte. Dieses düstere Reich stand unter der Herrschaft der Totengöttin Hel und nahm unter den Vorstellungen vom nordischen Jenseits eine besonders bedeutende Stellung ein.

In den Überlieferungen erscheint Garm als furchteinflößender, blutbefleckter Jagdhund, der am Zugang zur Unterwelt wacht. Dort hält er die Grenze zwischen dem Reich der Lebenden und dem Reich der Toten. Seine Gestalt verkörpert Bedrohung, Tod und das unausweichliche Schicksal, das selbst die Götter nicht dauerhaft aufhalten können.

Wie viele andere gefährliche Wesen ist Garm zunächst gebunden und zurückgehalten. Erst mit dem Beginn von Ragnarök, dem Untergang der alten Weltordnung, zerreißt er seine Fesseln. Gemeinsam mit Riesen, Ungeheuern und anderen entfesselten Mächten zieht er gegen die Götter und die Welt der Menschen.

In der letzten Schlacht trifft Garm auf Tyr, den Gott des Rechts, des Mutes und des Kampfes. Ihr Aufeinandertreffen endet für beide tödlich: Tyr erschlägt den Höllenhund, wird jedoch selbst von ihm so schwer verwundet, dass auch er fällt. Damit wird Garm zu einem jener Wesen, die während Ragnarök selbst mächtigen Göttern den Tod bringen.

## War Garm wirklich der ursprüngliche Höllenhund?

Trotz seiner bekannten Rolle vermuten einige Forscher, dass Garm möglicherweise erst vergleichsweise spät in die nordischen Überlieferungen aufgenommen wurde. Seine Geschichte weist deutliche Ähnlichkeiten mit anderen mythologischen Wachhunden auf, die Eingänge zur Unterwelt bewachen.

Solche Höllenhunde begegnen in verschiedenen Kulturen. Sie bewachen das Reich der Toten, verhindern die Rückkehr der Verstorbenen und stellen sich jenen entgegen, die unerlaubt die Grenze zwischen Leben und Tod überschreiten wollen.

Aus diesem Grund wird angenommen, dass die Darstellung Garms möglicherweise durch ältere Erzählungen oder fremde mythologische Vorstellungen beeinflusst wurde. Er passt zwar vollkommen in die düstere Welt von Hel und Ragnarök, doch gerade diese auffällige Vertrautheit lässt Zweifel daran entstehen, ob er von Anfang an zur nordischen Mythologie gehörte.

## Garm und das Reich der Hel

In den nordischen Quellen wird Garm als mächtiger, blutbesudelter Hund beschrieben, der vor dem Eingang zur Hel wacht. Sein Aufenthaltsort wird häufig mit einer Höhle namens **Gnipahellir** in Verbindung gebracht. Dort soll er angekettet liegen und sein bedrohliches Heulen erschallen lassen, sobald sich Ragnarök nähert.

Sein Blut und seine Ketten zeigen, dass er kein gewöhnlicher Wachhund ist. Er ist ein wildes, kaum zu bändigendes Wesen, dessen Gefangenschaft nur so lange anhält, wie die Ordnung der Welt Bestand hat.

Sobald die Fesseln brechen, endet die Zeit der Götter.

Garm verlässt seinen Wachposten und wird selbst zu einem Teil des Chaos, das er zuvor von der Welt der Lebenden ferngehalten hatte. So steht er nicht nur als Wächter am Tor zur Hel, sondern zugleich als Sinnbild für den Augenblick, in dem alle Grenzen zerfallen und das Schicksal seinen endgültigen Lauf nimmt.

## Der gefesselte Wächter von Gnipahellir

Garm wird meist als angekettetes Wesen beschrieben, das tief im Inneren der Höhle **Gnipahellir** lebt. Dort liegt er in Fesseln und bewacht den Zugang zum Totenreich.

In einer Erzählung über Odins Reise in die Unterwelt bemerkt Garm die Ankunft des Gottes. Als Odin an ihm vorüberzieht und das Reich der Hel betritt, zerrt der Hund an seinen Ketten und erfüllt die Finsternis mit seinem Heulen. Schon diese kurze Szene vermittelt, dass Garm selbst den Göttern gegenüber wachsam und bedrohlich bleibt.

In der **Lieder-Edda** wird er als der größte aller Hunde bezeichnet. Seine Stellung wird dabei mit anderen gewaltigen Dingen der nordischen Welt verglichen: So wie Yggdrasil als mächtigster aller Bäume und Bifröst als bedeutendste aller Brücken gilt, überragt Garm alle anderen Hunde an Größe, Stärke und Wildheit.

Diese Eigenschaften führten vermutlich dazu, dass er in späteren Darstellungen häufig wie ein riesiger Wolf erscheint. Die altnordischen Dichter beschrieben ihn jedoch eher als Jagd- oder Wachhund. Seine genaue Gestalt bleibt damit offen und bewegt sich zwischen Hund, Wolf und dämonischem Wächterwesen.

## Ein Wesen ohne Ursprungsgeschichte

Viele der großen Ungeheuer der nordischen Mythologie besitzen eine ausführliche Herkunft. Von Fenrir, der Midgardschlange und Hel wird erzählt, wie sie geboren wurden, warum die Götter sie fürchteten und auf welche Weise sie gebunden oder verbannt wurden.

Bei Garm fehlt eine solche Geschichte.

Die erhaltenen Quellen berichten weder von seiner Geburt noch davon, wie er in die Höhle Gnipahellir gelangte. Ebenso bleibt ungeklärt, wer ihn dort ankettete und aus welchem Grund seine Gefangenschaft notwendig wurde.

Gerade dieses Schweigen der Überlieferung macht Garm zu einer geheimnisvollen Gestalt. Er ist einfach da – ein uralter Wächter, blutbefleckt, gewaltig und gefesselt, als hätte er seit Beginn der Zeit am Rand des Totenreiches gewartet.

Dennoch ist er eng mit einer Gestalt verbunden, deren Herkunft ausführlicher beschrieben wird: mit Hel, der Herrscherin über das Reich der Toten.

Hel war eines der Kinder Lokis und der Riesin Angrboda. Gemeinsam mit ihren Geschwistern Fenrir und der Midgardschlange wurde sie von den Göttern als Gefahr erkannt. Um das vorhergesagte Unheil hinauszuzögern, verbannte Odin sie in die Unterwelt und übertrug ihr die Herrschaft über jene Toten, die nicht im Kampf gefallen waren.

Garm erscheint als ihr Wächter und als tierischer Ausdruck der Macht ihres Reiches. Wenn Hel die Herrin über die Toten ist, dann ist Garm das Wesen, das ihre Grenzen verteidigt.

## Garms Heulen kündigt Ragnarök an

Nach der Lieder-Edda gehört das Heulen Garms zu den unheilvollen Zeichen, die den Beginn von Ragnarök ankündigen.

Solange die Weltordnung besteht, bleibt der Hund in Gnipahellir gefesselt. Doch wenn die alten Bindungen zerbrechen und das Schicksal der Götter naht, reißt auch Garm seine Ketten entzwei.

Zum ersten Mal verlässt er die Dunkelheit der Hel und dringt in die Welt der Lebenden vor. Damit überschreitet er jene Grenze, die er zuvor bewacht hat.

Sein Heulen wird zum Klang des nahenden Untergangs.

Es verkündet, dass die Tore des Totenreiches nicht länger geschlossen bleiben, dass die Gefangenen ihre Fesseln verlieren und dass selbst die mächtigsten Götter ihrem vorbestimmten Schicksal nicht mehr entkommen können.

## Der letzte Kampf gegen Tyr

Die Prosa-Edda gibt Garm eine konkrete Rolle in der letzten Schlacht.

Während Götter, Riesen und Ungeheuer aufeinanderprallen, tritt der Kriegsgott Tyr dem entfesselten Höllenhund entgegen. Tyr war bereits durch Fenrir gezeichnet, denn er hatte seine rechte Hand geopfert, damit der mächtige Wolf gebunden werden konnte.

Bei Ragnarök stellt er sich erneut einem gewaltigen Tier entgegen.

Der Kampf zwischen Tyr und Garm endet ohne Sieger. Der Gott erschlägt den Hund, wird jedoch selbst tödlich verwundet. Beide fallen in der letzten Schlacht.

Diese Begegnung besitzt eine besondere Symbolik. Tyr, der für Mut, Recht und Opferbereitschaft steht, kämpft gegen ein Wesen aus dem Reich des Todes. Ordnung und Wildheit vernichten sich gegenseitig, während die alte Welt um sie herum zusammenbricht.

## Eine spätere Deutung der Gestalt

In der modernen Forschung wurde Garm auf unterschiedliche Weise interpretiert. Einige Historiker und Religionswissenschaftler vermuten, dass seine Rolle erst vergleichsweise spät in die nordische Vorstellung von Ragnarök eingefügt oder erweitert wurde.

Ein Grund dafür ist, dass Garm keine völlig einzigartige Gestalt darstellt.

Die Vorstellung eines gewaltigen Hundes, der den Eingang zum Totenreich bewacht, begegnet in vielen Kulturen. Solche Wächtertiere stehen an der Grenze zwischen Leben und Tod. Sie sollen verhindern, dass die Toten zurückkehren oder dass Lebende ungehindert in die Unterwelt eindringen.

Der bekannteste Vergleich ist **Kerberos**, auch Zerberus genannt, der dreiköpfige Hund aus der griechischen Mythologie. Er bewacht den Eingang zum Reich des Hades und erfüllt damit eine Aufgabe, die der Garms sehr ähnlich ist.

Beide Wesen leben an der Schwelle zur Unterwelt. Beide besitzen eine furchteinflößende Gestalt und stehen im Dienst einer Macht, die über die Toten herrscht.

Dennoch unterscheiden sie sich in einem entscheidenden Punkt: Kerberos bleibt in erster Linie ein Wächter. Garm dagegen verlässt am Ende der Welt seinen Platz, zerreißt seine Fesseln und wird selbst zu einem Kämpfer des Ragnarök.

Gerade diese Verbindung aus Unterweltwächter und entfesseltem Ungeheuer macht Garm zu einer besonderen Gestalt der nordischen Mythologie. Er bewacht nicht nur den Tod – er trägt ihn am Ende auch in die Welt der Lebenden.

## Ein vertrautes Bild aus vielen Mythologien

Die Verbindung zwischen Hunden und der Unterwelt findet sich keineswegs nur in der griechischen Mythologie. Auch in anderen indoeuropäischen Überlieferungen erscheinen Hunde als Wächter an der Grenze zwischen Leben und Tod.

Dennoch sehen manche Forscher in den Ähnlichkeiten zwischen Garm und Kerberos einen möglichen Hinweis auf spätere Einflüsse. Skandinavische Dichter und Gelehrte des Mittelalters kannten Teile der griechisch-römischen Mythologie und konnten deren Motive bewusst oder unbewusst in ihre eigenen Erzählungen aufgenommen haben.

Solche Einflüsse wären kein Einzelfall. Auch andere nordische Texte zeigen, dass ihre Verfasser nicht vollkommen von den Vorstellungen ihrer Zeit getrennt waren. Christliche, antike und einheimische Motive konnten sich miteinander verbinden und ältere Geschichten verändern.

Garm könnte daher sowohl auf einer alten nordischen Vorstellung beruhen als auch Züge erhalten haben, die aus anderen mythologischen Traditionen bekannt waren.

## Das Motiv des gefesselten Ungeheuers

Garm gehört außerdem zu einem Erzählmuster, das in der nordischen Mythologie besonders häufig erscheint: dem gefesselten oder verbannten Ungeheuer.

Mehrere Feinde der Götter werden gebunden, eingesperrt oder an einen fernen Ort verbannt, damit sie die bestehende Ordnung nicht bedrohen können.

Fenrir wird mit der magischen Fessel Gleipnir gebunden.Loki wird nach dem Tod Balders unter der Erde angekettet.Nidhögg ist an die düsteren Bereiche unter Yggdrasil gebunden.Hel wird in das Totenreich verbannt, während Jörmungandr in das Meer um Midgard geworfen wird.

Alle diese Wesen stellen eine Gefahr dar, die nicht vollständig vernichtet werden kann. Die Götter können sie lediglich zurückhalten und hoffen, dass ihre Fesseln bis zum Ende der Welt bestehen bleiben.

Garm passt auf den ersten Blick genau in dieses Muster. Auch er liegt angekettet in einer abgelegenen Höhle und wird erst während Ragnarök freigelassen.

Doch bei ihm fehlt ein entscheidender Teil der Erzählung.

## Die fehlende Geschichte seiner Gefangenschaft

Bei Fenrir, Loki und den anderen großen Gegnern der Götter erklären die Überlieferungen ausführlich, weshalb sie gebunden oder verbannt wurden.

Von Garm wird dagegen lediglich gesagt, dass er blutbefleckt und angekettet in Gnipahellir liegt. Es wird nicht berichtet, welche Tat er begangen hat, wen er bedrohte oder warum die Götter ihn für so gefährlich hielten, dass sie ihn in einer fernen Höhle gefangen hielten.

Es fehlt sowohl die Geschichte seiner Gefangennahme als auch die Erklärung für seine Fesseln.

Einige Historiker vermuten deshalb, dass eine solche Ursprungserzählung niemals existierte. Garm könnte erst zu einer Zeit in die Überlieferung aufgenommen worden sein, als das Bild des gefesselten Monsters bereits fest zur nordischen Mythologie gehörte.

Seine Ketten wären demnach nicht das Ergebnis einer verlorenen Geschichte, sondern ein erzählerisches Merkmal, das von den Zuhörern erwartet wurde.

Ein Wesen, das sich bei Ragnarök befreien sollte, musste zuvor gebunden sein.

## War Garm ursprünglich Fenrir?

Eine der bekanntesten Theorien besagt, dass Garm möglicherweise als spätere Abwandlung oder Ersatzgestalt Fenrirs in die Geschichte aufgenommen wurde.

In den überlieferten Beschreibungen von Ragnarök erscheinen mehrere Wölfe und hundeartige Wesen gleichzeitig.

Fenrir kämpft gegen Odin und verschlingt den Göttervater.Garm tritt gegen Tyr an.Sköll holt die Sonne ein.Hati ergreift den Mond.

Damit übernehmen mehrere ähnliche Kreaturen jeweils einen Teil der Zerstörung, die den Untergang der alten Welt herbeiführt.

Manche Forscher nehmen an, dass diese Wesen in einer früheren Form der Erzählung möglicherweise nicht klar voneinander getrennt waren. Vielleicht gab es ursprünglich nur einen einzigen gewaltigen Wolf, der später in mehrere Gestalten aufgeteilt wurde.

Dieser Wolf wäre Fenrir gewesen.

## Ein Ungeheuer mit vielen Aufgaben

In einer älteren und einfacheren Fassung des Mythos könnte Fenrir für mehrere Ereignisse des Weltuntergangs verantwortlich gewesen sein.

Er hätte die Himmelskörper verschlungen, gegen die Götter gekämpft und die Ordnung der Welt zerstört. Mit der Zeit könnte diese Rolle jedoch auf mehrere Wölfe und Hunde verteilt worden sein.

Eine solche Aufteilung hätte die Erzählung glaubwürdiger erscheinen lassen. Selbst ein Wesen von Fenrirs gewaltiger Macht konnte nur schwer gleichzeitig die Sonne verschlingen, Odin töten, Tyr bekämpfen und weitere Zerstörungen anrichten.

Mehrere Ungeheuer konnten diese Aufgaben hingegen untereinander teilen.

So erhielt jedes Wesen eine eigene Funktion und jeder gefallene Gott einen besonderen Gegner.

Sköll wurde zum Verfolger der Sonne.Hati jagte den Mond.Fenrir stellte sich Odin entgegen.Garm wurde zum Gegner Tyrs.

Dadurch gewann die Schlacht von Ragnarök an Bewegung, Vielfalt und dramatischer Wirkung.

## Die Entwicklung der Ragnarök-Erzählung

Diese Theorie fügt sich in die allgemeine Annahme ein, dass die Ragnarök-Erzählung nicht zu allen Zeiten in derselben Form existierte.

Mythen wurden über Generationen mündlich weitergegeben. Dabei konnten Figuren hinzukommen, Aufgaben verändert und ältere Gestalten voneinander getrennt werden.

Einige Historiker vermuten beispielsweise, dass auch Surt und das Heer der Feuerriesen erst später eine größere Rolle erhielten. Die Vorstellung einer Welt, die am Ende in Flammen aufgeht, wurde dabei möglicherweise durch christliche Bilder vom Jüngsten Gericht beeinflusst.

Nach dieser Deutung könnte eine ältere Form der Ragnarök-Erzählung wesentlich einfacher gewesen sein.

Im Mittelpunkt hätten die Götter, Loki und dessen Kinder gestanden: Fenrir, Jörmungandr und Hel. Der Untergang wäre somit vor allem aus dem Konflikt zwischen den Asen und den Nachkommen Lokis hervorgegangen.

Erst später könnten weitere Gegner, Heere und einzelne Zweikämpfe hinzugefügt worden sein.

Garm wäre in diesem Fall ein Teil dieser Entwicklung. Aus einem ursprünglich umfassenden Wolfswesen wäre ein eigener Höllenhund entstanden, der den Eingang zur Hel bewacht, bei Ragnarök seine Ketten sprengt und im letzten Kampf Tyr gegenübertritt.

Ob diese Theorie zutrifft, lässt sich nicht mit Sicherheit beweisen. Sie zeigt jedoch, wie wandelbar die nordischen Mythen waren.

Garm könnte eine alte Gestalt, eine spätere Ergänzung oder ein abgespaltener Teil Fenrirs sein.

Gerade diese Unsicherheit macht ihn zu einem der rätselhaftesten Wesen der nordischen Überlieferung.

## Tyr, Fenrir und die offene Frage um Garm

In der nordischen Mythologie treten Loki und seine Nachkommen immer wieder als Gegner der Götter auf. Ihre Bedeutung für Ragnarök wird in mehreren Erzählungen vorbereitet und deutlich hervorgehoben. Fenrir, Jörmungandr und Hel sind eng mit dem Schicksal der Asen verbunden und verkörpern jene Mächte, die am Ende die bestehende Ordnung zu Fall bringen.

Garm und Surt übernehmen ebenfalls wichtige Rollen im Untergang der Welt. Dennoch wirken ihre Aufgaben in manchen Überlieferungen weniger tief in früheren Geschichten verwurzelt.

Gerade bei Garm fällt auf, dass ihm eine persönliche Verbindung zu Tyr fehlt.

Die bekannteste Erzählung über Tyr handelt von der Fesselung Fenrirs. Weil die Götter dem gewaltigen Wolf nicht trauten, legte Tyr seine Hand in dessen Maul. Als Fenrir erkannte, dass er getäuscht worden war und die magische Fessel Gleipnir nicht zerreißen konnte, biss er dem Gott die Hand ab.

Zwischen Tyr und Fenrir besteht damit eine unmittelbare und schicksalhafte Verbindung.

Es wäre daher naheliegend, dass beide bei Ragnarök erneut aufeinandertreffen. Ein solcher Kampf hätte die frühere Begegnung vollendet und Tyrs Opfer einen abschließenden Sinn verliehen.

Eine ähnliche Struktur findet sich bei Thor und Jörmungandr. Schon vor Ragnarök begegnen sich der Donnergott und die Midgardschlange. Ihre Feindschaft wird früh angekündigt und erreicht in der letzten Schlacht ihren endgültigen Höhepunkt.

Bei Tyr verläuft die Überlieferung jedoch anders.

Die Prosa-Edda berichtet, dass er nicht gegen Fenrir kämpft, sondern gegen Garm fällt. Dieser Hund besitzt keine bekannte Vorgeschichte mit Tyr und wird vor Ragnarök kaum als unmittelbare Bedrohung der Götter dargestellt.

Dadurch wirkt ihr Zweikampf weniger vorbereitet als andere Begegnungen der letzten Schlacht.

## Eine mögliche Aufteilung von Fenrirs Rolle

Diese Unstimmigkeit gilt als weiteres Argument für die Vermutung, dass Garm ursprünglich nicht als eigenständiges Wesen gedacht war.

Möglicherweise war er zunächst mit Fenrir identisch oder übernahm später einen Teil von dessen früherer Rolle. Als die Ragnarök-Erzählung ausführlicher und umfangreicher wurde, könnte Fenrirs Bedeutung auf mehrere hunde- und wolfsartige Wesen verteilt worden sein.

Fenrir blieb der Gegner Odins.Sköll und Hati wurden zu den Verfolgern von Sonne und Mond.Garm erhielt den Kampf gegen Tyr.

Auf diese Weise konnte die letzte Schlacht in mehrere einzelne Begegnungen gegliedert werden. Gleichzeitig erhielt jeder bedeutende Gott einen eigenen Gegner.

Garm könnte dabei aus verschiedenen bekannten Motiven entstanden sein. Seine Gestalt erinnert an Unterweltshunde anderer Mythologien, während seine Fesseln dem nordischen Bild des gebundenen Ungeheuers entsprechen.

So wäre aus einem vertrauten Erzählmuster eine neue Figur entstanden: ein riesiger Hund aus dem Reich der Hel, der bei Ragnarök seine Ketten sprengt und Tyrs letzter Gegner wird.

Beweisen lässt sich diese Entwicklung nicht. Die erhaltenen Quellen sind zu spät niedergeschrieben worden und geben keine vollständige Einsicht in ältere Formen der Erzählung.

Dennoch erklärt diese Theorie mehrere auffällige Merkmale Garms: seine fehlende Herkunft, die ungeklärte Gefangenschaft, seine Ähnlichkeit mit Fenrir und seine überraschende Verbindung zu Tyr.

## Zum Schluss

Garm gehört zu den rätselhaftesten Wesen der nordischen Mythologie.

Er wird als gewaltiger, blutbefleckter Hund beschrieben, der angekettet in der Höhle Gnipahellir am Zugang zum Reich der Hel liegt. Dort bewacht er die Grenze zwischen den Lebenden und den Toten, bis die Ordnung der Welt zerbricht.

Sein Heulen kündigt Ragnarök an.

Dann zerreißt er seine Fesseln, verlässt die Unterwelt und zieht in die letzte Schlacht. Dort trifft er auf Tyr. Gott und Höllenhund verwunden einander tödlich und fallen gemeinsam.

Ob Garm bereits in den ältesten nordischen Vorstellungen existierte, später von fremden Motiven beeinflusst wurde oder ursprünglich nur eine andere Erscheinungsform Fenrirs war, lässt sich heute nicht mehr sicher bestimmen.

Doch gerade diese Unsicherheit verleiht ihm seine besondere Wirkung.

Garm steht an der Schwelle zwischen Leben und Tod, Ordnung und Chaos, Gefangenschaft und Entfesselung. Solange seine Ketten halten, bleibt die Welt bestehen.

Wenn sein Heulen aus Gnipahellir erklingt, hat das Ende bereits begonnen.

## Garm als möglicher späterer Bestandteil der Ragnarök-Erzählung

Wenn Ragnarök beginnt, so berichten die nordischen Überlieferungen, wird Garm seine Ketten sprengen und die Höhle Gnipahellir verlassen. Der Wächter des Totenreiches zieht daraufhin in die letzte Schlacht zwischen den Göttern und ihren Feinden.

Dort trifft er auf Tyr.

Der Kampf endet für beide tödlich. Tyr erschlägt den gewaltigen Hund, wird dabei jedoch selbst so schwer verwundet, dass auch er fällt. So gehören der einhändige Gott und der Höllenhund zu jenen Gegnern, die sich während Ragnarök gegenseitig vernichten.

Mehrere Besonderheiten dieser Erzählung haben jedoch zu der Vermutung geführt, dass Garm möglicherweise erst vergleichsweise spät eine eigenständige Rolle in der nordischen Mythologie erhielt.

## Das Motiv des Hundes an der Unterwelt

Hunde als Wächter des Totenreiches waren nicht ausschließlich in der nordischen Vorstellungswelt bekannt. Besonders berühmt ist Kerberos, der mehrköpfige Hund, der in der griechischen Mythologie den Eingang zur Unterwelt des Hades bewachte.

Einige Forschende halten es deshalb für möglich, dass antike Vorstellungen die spätere Darstellung Garms beeinflussten. Vor allem mittelalterliche skandinavische Autoren, die Latein lesen konnten oder mit christlichen und antiken Texten vertraut waren, könnten das Motiv des Unterweltshundes gekannt haben.

Das bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass Garm vollständig aus der griechischen Mythologie übernommen wurde. Hunde waren auch in anderen Kulturen mit Tod, Gräbern und dem Übergang ins Jenseits verbunden. Dennoch fällt die Ähnlichkeit zwischen Garm und Kerberos deutlich auf.

Beide bewachen den Zugang zu einem Reich der Toten. Beide erscheinen als furchterregende Wesen, die an einer Grenze stehen, welche Lebende nicht ohne Weiteres überschreiten sollen.

Garm unterscheidet sich allerdings dadurch, dass er seinen Wachposten am Ende der Welt verlässt und selbst in den Kampf eingreift.

## Ein weiteres gefesseltes Ungeheuer

Auch die Ketten Garms entsprechen einem häufig wiederkehrenden Motiv der nordischen Mythologie.

Zahlreiche gefährliche Wesen werden von den Göttern gefesselt, eingeschlossen oder aus der bewohnten Welt verbannt. Ihre Macht kann nicht vollständig vernichtet werden, weshalb sie bis zum Beginn Ragnaröks zurückgehalten werden müssen.

Zu diesen Gestalten gehören unter anderem Loki und Fenrir. Auch Hel und Jörmungandr werden an abgelegene Orte verbannt, damit sie die Welt der Götter und Menschen zunächst nicht bedrohen können.

Wenn Ragnarök beginnt, brechen diese Wesen aus ihrer Gefangenschaft aus oder verlassen die ihnen zugewiesenen Bereiche. Die alten Fesseln versagen und jene Kräfte, die über lange Zeit zurückgehalten wurden, kehren in die Welt zurück.

Garm fügt sich deutlich in dieses Muster ein.

Er liegt angekettet in einer abgelegenen Höhle und wartet dort bis zum Ende der bestehenden Weltordnung. Dann zerreißt er seine Fesseln und wird Teil des letzten Angriffs auf die Götter.

Im Gegensatz zu Fenrir fehlt ihm jedoch eine ausführliche Vorgeschichte.

## Der Unterschied zwischen Garm und Fenrir

Fenrirs Herkunft und Gefangenschaft werden in den nordischen Quellen vergleichsweise ausführlich beschrieben.

Er ist eines der Kinder Lokis und der Riesin Angrboda. Die Götter erkennen früh, dass von ihm eine große Gefahr ausgehen wird. Sie versuchen mehrfach, ihn zu binden, bis es ihnen schließlich mithilfe der magischen Fessel Gleipnir gelingt.

Auch seine Beziehung zu Tyr ist fest in der Erzählung verankert.

Fenrir misstraut den Göttern und willigt nur dann in die Fesselprobe ein, wenn einer von ihnen seine Hand als Pfand in sein Maul legt. Tyr erklärt sich dazu bereit. Als der Wolf erkennt, dass er sich nicht mehr befreien kann, beißt er dem Gott die Hand ab.

Damit entsteht zwischen Tyr und Fenrir eine persönliche Feindschaft.

Bei Garm fehlt eine vergleichbare Vorgeschichte. Es wird nicht erzählt, wie er geboren wurde, weshalb er gefesselt ist oder wann er Tyr zuvor begegnet sein soll. Erst in der letzten Schlacht werden beide als Gegner zusammengeführt.

Diese fehlende Verbindung wirkt besonders auffällig, weil gerade Fenrir als natürlicher Gegner Tyrs erscheint.

## Übernahm Garm einen Teil von Fenrirs Rolle?

Einige Forschende vermuten deshalb, dass Garm und Fenrir in älteren Erzählungen möglicherweise nicht klar voneinander getrennt waren.

Fenrir könnte ursprünglich eine umfassendere Rolle während Ragnarök gespielt haben. Er wäre dann nicht nur Odins Gegner gewesen, sondern möglicherweise auch mit Tyr und weiteren Ereignissen des Weltuntergangs verbunden worden.

Mit der Zeit könnten einzelne Aufgaben auf mehrere hunde- und wolfsartige Wesen verteilt worden sein.

Fenrir erhielt den Kampf gegen Odin.Garm wurde Tyrs Gegner.Sköll verfolgte die Sonne.Hati jagte den Mond.

Durch diese Aufteilung wurde die Erzählung umfangreicher und dramatischer. Anstatt dass ein einziges Ungeheuer für nahezu alle Zerstörungen verantwortlich war, konnten mehrere Wesen gleichzeitig an verschiedenen Orten handeln.

Auch die einzelnen Zweikämpfe der Götter ließen sich dadurch deutlicher voneinander unterscheiden.

Jeder bedeutende Gott erhielt einen eigenen Gegner und jede Begegnung konnte als selbstständige Szene erzählt werden.

## Eine mögliche Entwicklung nach der Wikingerzeit

Es ist daher denkbar, dass Garm erst in der Zeit nach der eigentlichen Wikingerzeit stärker als eigenständige Gestalt ausgearbeitet wurde.

Die erhaltenen schriftlichen Quellen entstanden überwiegend in einer Epoche, in der Skandinavien bereits christianisiert war. Die Autoren kannten neben einheimischen Überlieferungen möglicherweise auch antike, christliche und europäische Erzählmotive.

In dieser Zeit könnten ältere Mythen erweitert, neu geordnet oder miteinander verbunden worden sein.

Garm hätte dabei mehrere bekannte Motive vereint: den Hund am Eingang zur Unterwelt, das gefesselte Ungeheuer und den Gegner eines Gottes in der letzten Schlacht.

Seine Aufgabe könnte ursprünglich Fenrir gehört haben und später auf eine neue Gestalt übertragen worden sein, um Ragnarök vielseitiger und spannender zu gestalten.

Sicher beweisen lässt sich diese Theorie nicht.

Die Quellen sind zu lückenhaft, um die ursprüngliche Form des Mythos vollständig zu rekonstruieren. Dennoch erklären diese Überlegungen, warum Garm zugleich so bedeutend und doch so wenig entwickelt erscheint.

Er besitzt keine überlieferte Geburt, keine ausführliche Geschichte seiner Gefangenschaft und keine erkennbare Beziehung zu Tyr.

Und doch wird er im entscheidenden Augenblick zu einem der tödlichsten Gegner der Götter.

Ausarbeitung und Recherche

© Odins Krieger Tyskland


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